Rashida erlebt gerade den Moment der höchsten Konzentration und Trance. Sie nimmt nicht wahr, was um sie herum geschieht.

Nach einer Weile beginnt sie in genau studierten und vorgegebenen Bewegungen ihre Arme und Beine zu bewegen. Der schwere Stoff behindert sie dabei nicht.
Das Wasser kommt in Bewegung. Zuerst zögerlich und langsam, dann immer leichter und schneller.

Von oben betrachtet zeigt das Wasserballett seine Wirkung. Es scheint das Zeichen Undars, der Vollmond mit Flammenaura, auf der Wasseroberfläche zu schweben!

Die Tätowierungen von Rashida an ihren Handgelenken und Knöcheln beginnen sanft zu vibrieren. Ein schwaches Leuchten strahlt von ihnen ab und gibt dem Flammenrand ein gespenstisch wirkliches Aussehen.

Dann fängt das Wasser an zu brodeln. Von den Spitzen der Flammen wandert das Sprudeln bis in die Mitte, bis zur Kriegerin.

Als die Wasserblasen sie berühren, hebt Rashida ihren Kopf gen Himmel und hebt zu einem rituellen Gesang an. In einer Sprache, die so alt ist, dass niemand mehr weiss, was die Worte wohl bedeuten mögen. Die klare Stimme der Kriegerin trägt das Lied weit in den Wald hinein. Die Melodie ist traurig, ermutigt aber zur Hoffnung.

Nachdem sie mit dem Gesang geendet hat, steigt Rashida aus dem Wasser. Sie nimmt einen Dolch, der unter ihrem Kleid versteckt war.

Langsam ritzt sie sich einen dünnen Strich in die unbedeckte Stelle ihres Körpers. Ein Blutstropfen löst sich und rollt zum Ende des Kratzers. Rashida beugt sich vor und der Tropfen fällt in den See.

Ein rötliches Leuchten breitet sich vom See aus. Man kann deutlich die Spur erkennen, die der Blutstropfen zieht. Obwohl es nur eine winzige Spur Blut war, färbt sie den ganzen See rot.

"Meine kleine Kampfmaus!", ertönt eine Stimme, die tief und wohlklingend ist. "Ich danke Dir für Dein Blutopfer, um mir zu huldigen. Knie Dich hin!"

Rasch fällt Rashida auf ihre Knie. Den Kopf hat sie gebeugt, ihre Augen sind geschlossen. Still und bewegungslos verharrt die heilige Streiterin und wartet darauf, dass ihr Gott weiter spricht.

Hart und barsch kommen die Worte über den See gebellt: "Aber wie konntest Du so dumm sein, und alleine so ein Ritual durchführen? Vor allem an diesem Ort? Du hattest Glück, Kampfmaus, dass sich Dein Weg hier mit dem Weg von anderen gekreuzt hat. Diese haben die Aufgabe auf sich genommen, Dich zu beschützen, damit Du Dein Ritual durchführen kannst! Was machst Du, wenn einmal niemand vorbeikommt? Oder die günstige Gelegenheit nutzt?"

In der entstehenden Pause ist kein Laut zu hören. Dann hebt die Stimme wieder an, diesmal feierlich getragen: "Von heute an, verbiete ich Dir, Rashida a'Roch, irgendwelche Rituale mir zu Ehren abzuhalten!"

Die Kriegerin kämpft mit den Tränen. Dieses Privileg entzogen zu bekommen, ist ein harter Schlag für sie. Doch Undar ist auch für seine Strenge bekannt. Sie reisst sich zusammen und lauscht ihrem Gott.

Etwas versöhnlicher fügt Undar hinzu: "Ich mache dies, damit Du nicht diese Welt verlässt, bevor Deine Aufgabe erledigt ist. Du weisst, dass niemand ausser Dir die Statue des Blutes richtig benutzen kann, also hüte Dein Leben wie einen Augapfel! Verlasse niemals Deine Gruppe, wenn Du es verhindern kannst! Denn ich kann und werde Dir nicht immer helfen."

Die Stimme ist immer leiser geworden und verabschiedet sich mit dem Satz: "Alles wird gut, Kampfmaus!"

Die Kriegerin lässt sich zur Seite fallen und gibt sich ihrer Trauer und Zorn hin. Die Tränen rinnen hemmungslos über ihr Gesicht. Nach langer Zeit versiegt der Strom. Rashida richtet sich auf und wischt die letzten Reste von ihrem Gesicht.

Immer noch kein Auge für die Umgebung, kleidet sie sich aus und zieht ihre normalen Sachen an.

Lange hält sie das Ritualgewand in der Hand und starrt darauf. Dann hebt sie es hoch, schüttelt es und ruft laut: "Ich werde Dir beweisen, dass ich Deiner würdig bin!"

Entschlossen packt sie das Gewand ein. Sie dreht sich um, um ihr Schwert zu holen. Da erst bemerkt sie, dass die Klinge aufrecht im Boden steckt und ein dünner Strich dunkel die Klinge ziert.
Ein spitzer Schrei entweicht ihrer Kehle. Sie nimmt das Schwert in die Hand. Es fühlt sich komisch an, irgendwie ... anders. Rashida überlegt, woher sie dieses Gefühl kennt. Da durchzuckt sie ein Gedanke.

Ja, wenn es wirklich so ist, dann... sie überlegt nicht zu Ende, sondern sucht mittels Telepathie einen bestimmten Geist. Prompt findet sie ihn in der Nähe und übermittelt ihm ihren Dank: "Ich danke Euch und Euren Leuten, dass ihr mir ermöglicht habt, mein Ritual durchzuführen. Es tut mir leid, dass Ihr von Eurer eigentlichen Aufgabe, wegen derer Ihr hier unterwegs seid, abgehalten wurdet. Ich werde mich Euch erkenntlich zeigen, aber im Moment habe ich keine Mittel und Wege dazu. Doch eins weiss ich sicher: ich habe Euch bestimmt nicht das letzte Mal getroffen und ich werde Euch dies nicht vergessen!"

Ohne die Klinge abzuwischen, steckt Rashida sie in die Scheide. Dann bindet sie das Schwert fest um ihre Hüfte und macht sich auf, die anderen wieder zu treffen.


Quem dei diligunt, adulescens moritur. Titus M. Plautus