Der bewölkte Himmel bedeckt sich nun zusehends und nach einigen Minuten ist von Mond und Sternen nichts mehr zu sehen. Ein strenger Wind geht und ein leichter Nieselregen, gelegentlich unterbrochen von heftigen Schauern, setzt ein, der den Innenhof der Burg im Nu in ein morastiges Schlammgelände verwandelt. Es ist kühl geworden und das festgetretene Blut löst sich nach und nach in den brackigen Pfützen auf und versickert anschließend. Der alte Stein in seiner Porösität hat dem Sickerwasser wenig entgegenzusetzen, welches sich langsam seinen Weg durch Risse und lose Gesteinsschichten nach unten bahnt, bis es schließlich an längst vergessenen Gewölben vorbei mehrere hundert Meter tiefer von der Decke einer in den Felsen gehauenen Grotte tropft.

*Plop* *plop* *Tsching*

Die feuchte Höhle liegt in vollständiger Finsternis, ein langer abschüssiger Gang umrahmt von tausenden Stalaktiten und ihren Gegenstücken. Hier und dort kämpfen sich kleinere Pilze aus den felsigen Wänden, manchmal huscht kleineres Getier daran entlang. Ein einsames Kleinstbiotop seit Äonen. Doch etwas ist ungewohnt. Ein leichter Verwesungsgeruch liegt in der Luft.

*plop* *Tsching!*

Das herausperlende Wasser trifft auf eine metallische Oberfläche auf, einen hellen Klang erzeugend, eine Pfütze in einer Ausbeulung hinterlassend. Nach mehreren Minuten kriecht ein kleines Rinnsal aus Wasser und frischem Blut den Nasenschutz des zerschmetterten Helms hinab und sammelt sich in der Augenhöhle eines glanzlos in die tiefe Dunkelheit starrenden Auges. Ein weiterer Tropfen trifft auf den Solarplexus eines aufgerissenen Kettenhemdes.

*Tsching*

Acht dunkle, kalte Gestalten liegen reglos am Boden der Grotte, kleine stämmige Männer mit zerzausten, feuchten Bärten, gestorben in ihren Rüstungen, viele mit einem Ausdruck der Überraschung im Gesicht. Neben ihnen sitzen zwei in lange Umhänge gehüllte Gestalten, vermummt wegen der alles umgebenden Nässe. Reglos verharrend in tiefster Nacht, sind ihre Umrisse nur zu erahnen. Während eine, in tiefer Meditation gefangen, fast lautlos vor sich hin summt, beobachtet die andere die kleine Höhle, leicht abwesend und in Gedanken, abwartend.

Nachdem eine gute Weile vergangen ist, hebt letztere den Kopf und erhebt sich, lautlos und schnell wie eine Natter. Wenig später betreten drei weitere verhüllte Gestalten den Gang in der gleichen katzenhaften Lautlosigkeit, die einem ungeübten Ohr sicherlich entgangen wäre. Einer der Neuankömmlinge geht vornweg, geduckt, einen leicht gebogenen Säbel vor sich, jeden Schritt behutsam abwägend. Die beiden hinter ihm haben einen langsameren, schweren Schritt, tragen sie doch jeder eine große Last über der Schulter. Als sie spüren, daß sie beobachtet werden, lassen die beiden Hintermänner sofort ihre sackförmige Last dumpf zu Boden gleiten, und halten blitzschnell zwei kleine Armbrüste in den Händen. Nach einigen Schritten bleibt die Gestalt mit dem Säbel vor dem anderen, sie erwartenden Verhüllten stehen und steckt den Krummsäbel ein. Sie verbeugt sich tief vor dem reglosen Umriß und flüstert:
"Prinz Alveriel! Ich hatte euch zuerst nicht erkannt. Und ich wußte nicht, daß ihr schon zurück sind. Wie ist es euch ergangen?"
Der Angesprochene wischt die Frage mit einer unwirschen Handbewegung beiseite und entgegnet in gleicher Lautstärke: "Unwichtig. Wichtiger ist, daß ihr viel zu unvorsichtig seid. Ich hätte euch töten können, bevor ihr mich überhaupt bemerkt habt. Schlecht, Hauptmann Vigor! Aber lassen wir das, ich sehe, ihr habt in meiner Abwesenheit dennoch große Fortschritte gemacht." Dabei stößt er einen der toten Zwerge neben ihm mit dem Fuß an. "Sind das alle, Hauptmann?"
Der so Gerügte schüttelt beflissen den Kopf: "Vergebung, Herr. Nein. Aber wir haben die letzten beiden Zwerge von den oberen Tunneln "entfernt", der Weg ist frei zu den Gebäuden. Es dürfte sich dort nur noch eine kleine Zahl aufhalten."

Der Prinz nickt zufrieden und zeigt auf seinen Begleiter, der immer noch summend da kauert, ohne seine Umgebung einer Notiz zu würdigen.
"Ich habe einen Warlock unserer Tanar´Abad-Schule mitgebracht und wir haben die volle Unterstützung der Oberin Vilevna. Sie hält einen solchen Stützpunkt in der Oberwelt auch für eine ausgezeichnete Idee. Gibt es neues wegen der Trolle? Wo ist der Rest deiner Männer? Wurdet ihr gesehen?"
Vehement schüttelt der Hauptmann den Kopf, während seine Begleiter die Leichen der beiden Zwerge zu den anderen legen: "Ich hätte jeden meiner Männer eigenhändig erschlagen, der es wagt, sich durch Unvorsicht zu verraten. Nein, sie wissen vermutlich noch nicht einmal, daß ihre Posten nicht mehr da sind. Und jeder, der nach ihnen sehen will, wird von vergifteten Armbrüsten erwartet. Ich sehe da keine Gefahr.
Die Trolle sind auch beseitigt, dreizehn an der Zahl. Ich selbst habe eigenhändig fünf zur Strecke gebracht. Die übrigen sind geflohen. Aber wir haben dabei einen Mann verloren. Er hatte sich mit drei der Bestien gleichzeitig angelegt. Tanuriel Do`Nervan."
Der Prinz schnauft und winkt ab:" Wer sich gegen drei dieser lächerlichen Tiere nicht behaupten kann, verdient es nicht, Dunkelelf genannt zu werden. Vergessen wir ihn. Gibt es schon Informationen, was die Zwerge hier wollten?"
Der Hauptmann schluckt, behält seine Meinung aber für sich, als er antwortet. Nervan war einer der heißblütigsten, aber auch tapfersten Kämpfer gewesen.
"Ja, einen Zwerg haben wir noch am Leben gelassen, bis wir die Informationen hatten. Er faselte etwas von wertvollen Erzadern und alten heiligen Zwergengewölben, unwichtiges Zeug also."
Prinz Alveriel nickt erneut: "Wir sollten das im Auge behalten, vielleicht ist da mehr dran als wir ahnen. Kompliment übrigens an Talgafeyl, euren Foltermeister.
Ich habe noch nie gehört, daß jemand aus einem Zwerg eine brauchbare Information herausbekommen hat, der Mann scheint seinen Sold wert zu sein. Aber mir ist ja letztes Mal schon aufgefallen, daß er einige Dinge mit den Informationsquellen macht, für die ich nicht einmal einen Namen habe. Wie auch immer, ich denke, wir statten jetzt euren Wächtern oben einen Besuch ab und erledigen, weswegen wir hergekommen sind."
Alveriel hält kurz inne, macht eine allumschließende Handbewegung und setzt sich in Richtung der oberen Höhlen in Bewegung. Vorsichtig, lautlos und in gebührendem Abstand folgen ihm die anderen.







Wenn sie so überlegen sind, warum sind sie dann so tot?