Noch während Rashida nach der Quelle des Lichtes sucht, wird dieses immer intensiver. Der Raum und die neben ihr stehende Elfin versinken in dem Licht, veschwinden einfach, als würden sie nicht existieren. Es ist ein helles, reines Licht, dass die Augen der Streiterin jedoch nicht schmerzt. Es kommt von überall, und es erstreckt sich endlos. Ein solches Licht lässt keinen Schatten zu. Hier scheint es weder Anfang noch Ende zu geben, und obwohl Rashida deutlich den Boden unter den Füßen spürt, so bleibt er doch vor ihr verborgen, ebenso wie die Decke. Es wird alles von dem allgegenwärtigen, angenehm warmen und die Augen nicht blendenden Licht verdeckt. Demnach könnte der Raum winzig klein – oder aber endlos sein.

In einiger Entfernung sieht sie die Gefährten inmitten des Lichts stehen, ohne von ihr Notiz zu nehmen. Sie sind offensichtlich in eine Diskussion vertieft, die gestenreich geführt wird. Zweifellos unterhalten sie sich auch, doch kein Laut dringt an Rashidas Ohr. Ohne es erklären zu können weiß die heilige Streiterin, dass die Gefährten eine wichtige Entscheidung treffen. Eine Entscheidung, die für alle – auch für sie selbst – von fundamentaler Bedeutung ist. Eine Entscheidung, die die Zukunft der ganzen Welt bestimmen wird.

Sie will ihren Gefährten etwas zurufen, sie auf sie aufmerksam machen – doch sie muss feststellen, dass ihr Mund zwar die Worte formt und ausstößt, sie aber nicht das Ohr erreichen. Es ist, als würde die Luft die Geräusche nicht weiterleiten, und so verhallt ihr lautloser Ruf ungehört.

Dann werden die Gefährten vom Licht eingehüllt und entschwinden ihren Blicken. Durch das Licht hindurch kann sie eine andere Szenerie sehen, eine, die, wie sie sofort weiß, sich erst ereigenen wird, die die Zukunft der Entscheidung darstellt, die die Gefährten soeben noch zu treffen versuchten.
Jubelnde Menschenmassen erstrecken sich, soweit das Auge reicht, und durch eine schmale Gasse zwischen den begeisterten Mengen schreiten die Gefährten, deren Namen von den Menschen choralähnlich immer und immer wieder rezitiert werden. Jene Menschen, die ihnen nahestehen, klopfen ihnen auf die Schultern, schütteln ihnen die Hände und beglückwünschen sie. Der Ruhm der Gefährten scheint unermesslich, als Rashida unter den Menschen auch Elfen und sogar Zwerge ausmacht, die ihrerseits die Gefährten hochleben lassen. Sich selbst jedoch kann sie nicht bei den Umjubelten sehen, und auch ihren Namen vermag sie in den Jubelrufen der Menschen, Elfen und Zwerge nicht zu vernehmen. Sie fühlt sich am Rande der Menge stehen, unbeachtet, unbedeutend, nicht teilhabend am Ruhm der Gefährten... Sie hat keine Macht über den Körper, kann sich weder bewegen noch sprechen, nur beobachten... Dann verschwindet erneut alles im weißen Licht und macht einer weiteren Szene Platz.

Sie kennt diesen Ort. Zu lange hat sie ihn besucht, um ihn nicht sofort wiederzuerkennen, obwohl er teilweise durch das Licht verborgen bleibt. Die Andachtshalle im Undartempel... Einer der Priester hält eine Rede, er redet über die Gefährten und ihre Heldentaten, erwähnt jeden Einzelnen und lobt ihren unvergleichlichen Mut, ihre Tapferkeit und Entschlossenheit. Er beschwört Undars Segen auf die Gefährten herab und lässt keinen Zweifel daran, dass er die Gefährten als Heilige ansieht, die die größte Aufmerksamkeit Undars verdienen. Doch auch hier wird ihr Name nicht erwähnt, nicht ein einziges Mal, und Ruhm und Segen gleichermaßen bleiben ihr vorenthalten.

Das Licht ändert erneut seine Beschaffenheit, und Rashida befindet sich wieder in der ersten Szene. Sie hat wieder volle Kontrolle über ihren Körper, ist jedoch weiterhin stumm. Noch immer debattieren die Gefährten und versuchen, eine Entscheidung zu fällen, eine Entscheidung die, wie Rashida nun weiß, für die Gefährten eine Zukunft bereithält, in der sie Helden sein werden, in der sie allerhöchste Anerkennung und das Wohlwollen der Götter genießen werden. Noch ist die Entscheidung nicht getroffen, noch kann sich Rashida zu den Gefährten gesellen und ihren Teil zum Gelingen beitragen...

Doch zwischen den Gefährten und ihr schält sich eine Gestalt aus der Luft, als würde sie einfach aus dem Hintergrund hervortreten. Es ist ein Skelett, gekleidet in ein langes, rostiges Kettenhemd über das ein zerschlissener Waffenrock gezogen ist. In den Händen hält es ein langes, ebenfalls rostiges Schwert. Die leeren Augenhöhlen, in denen unheimlich ein blaues Leuchten glimmt, sind der Kriegerin zugewandt, und obwohl der untote Krieger keinerlei Anstalten macht, sie anzugreifen, so ist es doch offenkundig an seiner Haltung zu erkennen, das er nicht gewillt ist, die Streiterin Undars freiwillig vorbei zu ihren Gefährten zu lassen. Wie sich die Kriegerin in dem endlosen Raum auch müht, einen Weg seitlich vorbei zu finden – in einem Raum, in dem es keine Seiten, kein rechts und links sondern nur vor und zurück gibt, ist er immer zwischen ihr und der Gruppe.