Alrik, von den Statuen fasziniert, war seinen beiden Begleitern schon weiter in den Raum vorausgegangen. Die Statuen befinden sich fast zwischen ihm und Bodasen und Glance, als ein helles Leuchten den Raum in ein unheimliches Zwielicht taucht. Reflexartig und ohne einen Gedanken zu verschwenden wirbelt der Streuner zur Seite. Aus den Augenwinkeln kann er erkennen, wie die beiden anderen von dem Licht durchdrungen werden und sich auflösen.
‚Eine Magiefalle!’ schießt es ihm durch den Kopf, ‚Verdammt! Zeitverzögert! Wie heimtückisch!’
Alrik weicht weiter bis zur Wand des Raumes zurück, um möglichst viel Abstand zwischen sich und die Quelle des vernichtenden Lichts zu bringen, dem die anderen beiden zum Opfer fielen, ohne auch nur einen Laut von sich geben zu können. Das Leuchten verliert bereits an Intensität, jedoch bleibt der Raum in ein bedrückendes, leicht rötliches Zwielicht getaucht, und zwischen den Statuen scheint jetzt auch leichter Dunst aufzusteigen. Den Rücken an die steinernen Tempelwände gepresst scheint es dem Streuner in der eigentümlichen Beleuchtung, als würden sich die ohnehin lebendig wirkenden Statuen plötzlich bewegen. Er hat den Eindruck, dass sie sich ihm zuwenden, und ihre Gesten und der Ausdruck ihrer Gesichter scheint alle andere als freundlich, ja dem Streuner kommt es sogar so vor, als wären ihre vormals so edel wirkenden Minen zu dämonenhaften Fratzen verzerrt.
Schlagartig und mit aufsteigendem Grauen wird sich Alrik der ursprünglichen blutrünstigen Bedeutung dieses Tempels wieder bewusst, und er fühlt sich mehr als jemals zuvor als Eindringling. Jede Erhabenheit und Geborgenheit, die zuvor der Tempel ausgestrahlt hatte, geht verloren und weicht Bedrohlichkeit und Aggression, und die Mauern wirken plötzlich in das dunkle Rot von frischem Blut getaucht.
Panik steigt in dem Streuner auf. Er musste hier raus! Doch wo war der Eingang, durch den sie den Raum betreten hatten? Er drückt sich an die Wand hinter ihm, als die Statuen sich ihm endgültig zuzuwenden scheinen. Seine Hand drückt sich gegen eine kleine Steinplatte, kaum größer als ein Taler und perfekt selbst vor den wachsamsten und erfahrensten Augen getarnt, die sanft dem ungewollten Druck nachgibt. Stein knirscht auf Stein, als sich neben dem Streuner ein mannshoher Durchgang öffnet, in dem es schwach silbern schimmert. Ein geheimer Ausgang! Was für ein Glück, dass er sich gerade hier an die Wand gepresst hatte! . Ohne groß zu überlegen huscht der Streuner flink in den Gang, und fast sofort rasselt hinter ihm mit Getöse eine weiter Steinplatte nach unten und verschließt die Öffnung. Zur Überraschung des Streuners wird es nicht dunkel. Von den Wänden geht ein silbernes Schimmern aus – irgendein geheimnisvolles, vielleicht sogar magisches Mineral mochte dort eingeschlossen im Gestein eingeschlosen sein, wodurch der Gang vor ihm in ein schwaches Licht getaucht wird. Zwerge würden sicher wissen, worum es sich dabei handelte, doch der Streuner kannte sich mit den Steinen nicht aus – solange es sich nicht um einen wertvollen Edelstein handelte, war Gestein für ihn kaum mehr als Fels.
Das Licht ist zu schwach, um in dem Gang eventuelle Fallen finden zu können, doch vorerst war der Streuner vor den Statuen draußen in Sicherheit, selbst wenn diese trügerisch sein mochte. Ein Blick auf die versperrte Öffnung vor ihm genügt ihm, um festzustellen, dass er nicht die Mittel hatte, diesen Stein zu entfernen. Der Eingang war versperrt, doch vielleicht führte der Gang in der anderen Richtung ja hinaus? Wenige Schritte weiter den Gang entlang lassen Verzweiflung in Alrik aufsteigen – auch das andere Ende des Ganges ist durch eine schwere, unbewegliche Steinplatte versperrt! Er ist hier gefangen!

Dann wird Alrik von Entsetzen gepackt, als er ein leises, beständiges Knirschen wahrnimmt. Unwillkürlich schaut er zu der niedrigen Decke empor – sie senkt sich! Entsetzt kauert sich der Streuner hin. Das kann doch nicht wahr sein! Er wird zerquetscht werden! Fieberhaft untersucht er die Wände in dem schwachen Licht, tastet sie nach verborgenen Mechanismen ab, die die sich unaufhaltsam nähernde Decke aufhalten würden, doch er kann nichts dergleichen finden. Es würde hier keinen Schalter geben. Das hier war eine Todesfalle, die bereits aktiviert war, noch bevor er den Raum betrat! Vielleicht hätte er doch sein Glück mit den Statuen versuchen sollen...
Die Decke senkt sich immer mehr, und Alrik legt sich flach auf den Boden, die entsetzten Blicke dem unaufhaltsamen, langsamen Tod entgegengerichtet. Nein! Nicht so! Bloß auf den Bauch drehen! Die Vorstellung, zusehen zu müssen, wie sich die steinerne, tonnenschwere Decke langsam in sein Gesicht drückte und die Knochen zermalmte, war zu furchtbar!
Staub rieselt auf ihn herunter, das Knirschen stockt und nimmt einen anderen Ton an. Alrik wagt einen Blick aufwärts. Die Decke verharrt, obwohl der Mechanismus jenseits der Mauern noch immer weiterläuft! Sein Blick sucht die Fugen an der Decke ab. Dort! Ein Steinsplitter! Die Falle mochte viele tausend Jahre alt sein, und die Zeit hatte ihren Tribut gefordert – die tödliche Decke hatte sich verklemmt! Dankbarkeit steigt in dem Streuner auf, und unwillkürlich kommt ihm in den Sinn, dass diese Konstruktion nicht von Zwergen ersonnen und gebaut sein konnte. Eine zwergische Arbeit hätte ihr tödliches Werk auch nach Äonen noch zu Ende geführt!
Ein erneutes Knirschen lässt dem sich schon in Sicherheit wähnden Streuner erneut den Schreck in die Glieder fahren, doch ein Blick zum Ende des Ganges zeigt ihm, dass nur die schwere Steinplatte in die Tiefe gefahren war und dahinter eine Fortführung des Ganges freigab. Was für ein Glück, dass sich dieser Mechanismus nicht auch verklemmt hatte!
Nur raus hier, bevor sich die Verklemmung der Decke womöglich löst! Schnell kriecht Alrik die wenigen Schritte zu der neu entstandenen Öffnung. Auch dieser Gang ist in das schwache Licht getaucht und führt leicht bergab. Vielleicht würde er doch noch überleben...

Er bemerkt die kleinen, mit schmieriger Steinmehlpaste vorzüglich getarnten Löcher in der Wand erst, als er es unheilverkündend klacken hört.
Die Speerfalle schnappt schneller zu, als er reagieren kann. Verrostete Metallklingen schlitzen den Stoff seiner Oberarmärmel auf, jedoch ohne ihn selbst zu verletzen. Doch der tödliche Speer, der sich ihm durch die Brust hätte bohren müssen, bleibt aus. Sekundenlang starrt Alrik mit schreckgeweiteten Augen auf das sich kaum von dem Stein unterscheidende zugeschmierte Loch, aus dem der tödliche Speer hätte herausschießen sollen. Er kann sein unbeschreibliches Glück nicht fassen. Wie soll er auch wissen, dass ausgerechnet auf jenen Speer seit vielen Jahrtausenden stetig ein Wassertropfen in dem hinter der Wand liegenden Hohlraum gefallen war, und dass das Metall dieses einen Speeres durch das saure Bergwasser völlig zersetzt worden war.

Vorsichtig befreit sich der Streuner aus den Speeren, die seine Oberkleidung rechts und links regelrecht gegen die Wand genagelt haben, und folgt weiter dem Gang, diesmal mit äußerster Vorsicht. Doch er kann keine weitere Falle ausmachen, und schon nach wenigen Schritten gelangt er in eine kleine Kammer, die in alle Richtungen nicht mehr als ein Dutzend Schritt messen mag.
Er kennt solche Räume, und sie lassen normalerweise das Herz jeden Diebes höher schlagen. Doch dieser Raum könnte trostloser und ernüchternder kaum sein.
Natürlich musste es auch in diesem Tempel einen Raum geben, in dem die Geldreserven und die schweren Reliquien aus Edelmetall aufbewahrt werden mussten. Jeder Tempel brauchte eine Schatzkammer, und daher war der Gang wohl auch so gut gesichert. Alrik hatte die Entdeckung der Schatzkammer nur einem glücklichen Zufall zu verdanken, doch größer hätte seine Enttäuschung angesichts des völlig kahlen und leeren Raumes nicht sein können. Für einen Streuner war eine solche Schatzkammer fast das Schlimmste, was ihm widerfahren mochte...

Dann wird seine Aufmerksamkeit von einem Glänzen in der Mitte des Raumes erweckt. Im schwachen Schein des silbernen Lichtes, das auch hier von dem geheimnisvollen Mineral in den Wänden ausgestrahlt wird, kann er etwas Goldenes erkennen. In der Mitte des Raumes, mitten auf dem Fußboden, liegt eine kleine, goldene Münze.