Zur Person Nasreddin.

Es gibt eine im gesamten islamischen Raum bekannte Person.
Diese tritt mit unterschiedlichen Namen auf, jedoch ist immer klar, wer damit gemeint ist.

Ich spreche von der Person, die unter den folgenden Namen bekannt ist:

Mulla Nasrudin, Nasriddin Afandi, Nasreddin Hodscha, Chodscha Nasr Ed-din.

Dieser Mensch wird gerne als „Eulenspiegel des Islam“ bezeichnet, was aber seiner tatsächlichen Wirkung nur teilweise gerecht wird.

Seine Herkunft ist umstritten. In „Der Sündensack“ [1] wird die Herkunftsfrage sowie die Frage der Überlieferung sehr schön diskutiert, weshaslb ich jedem, der an dieser Person näher interessiert ist, dieses Buch besonders empfehle.

Die gängigste Ansicht scheint darin zu bestehen, daß Nasreddin eine reale Person in der heutigen Türkei war - weshalb auch auf dem Titelblatt von „Wer den Duft des Essens verkauft“ [2] von einem „türkischen Eulenspiegel“ gesprochen wird. Es wird dort berichtet, Nasreddin Hodscha sei 1208 der christlichen Zeitrechnung nach in Horto bei Sivrihisar geboren worden, 1237 nach Aksehir übergesiedelt, und dort 1284 / 85 der christlichen Zeitrechnung nach gestorben. Laut [1] wird dort sein Grabmal gezeigt.
Von dort scheint auch die längste Überlieferung nach [1] zu stammen, wobei dort aber auch gesagt wird, daß Nasreddin zum Teil mit weiteren lokalen Überlieferungen zusammenfallen könnte (in (1) wird auch von einem arabischen Dschuha gesprochen).
In Usbekistan - genauer: In Buchara - ist ihm laut [1] ein Denkmal gesetzt worden.

In [2] wird von einer „ältesten Handschrift“ gesprochen, die sich in Besitz der Universität Leiden befinden soll. Di4ese Handschrift wird kurioserweise in [1] nicht erwähnt; dort wird aber intensiver auf die Überlieferungsgeschichte eingegangen:

In verschiedenen Schriften des Islams in der Zeit unseres Mittelalters wurden laut [1] des öfteren satirische Geschichten eingestreut, die im Laufe der Zeit an bestimmte Personen gekoppelt wurden. Ob diese Geschichten primär von realen, historischwen Persönlichkeiten handelten, läßt sich nicht mehr mit Bestimmtheit feststellen. Genausowenig, wie es als sicher gelten kann, daß Nasreddin wirklich lebte, obgleich die Wahrscheinlichkeit hierzu recht hoch ist. ( In [1] heißt es dazu wörtlich: „Vielmehr neigt man heute zu der Ansicht, daß die Lösung dieser Frage [der Herkunft] zwar von Interesse, letztlich aber sekundär ist. Weit wichtiger ist die Untersuchung des Erzählungsrepetoires selbst, um das charakteristische daran, seinen möglichen Ursprung, spätere Zutaten und Veränderungen und regionale Besonderheiten erkennen zu können“.)
Interessanterweise konnte es laut [1] passieren, daß diese Geschichten auch im Nachhinein an historische Personen gekoppelt werden konnte - nämlich an die Dichter, die diese Geschichten erzählten. Genannt werden ein Dichter mit Namen Nawai und ein anderer mit dem Namen Maschrab.

Die Geschichten selber sind von zweifellos satirischer Natur, mal im Stile eines „Schildbürgerstreiches“, mal im Stile eines Till Eulenspiegel. Meistens sind die „Opfer“ Mitglieder höhergestellter Klassen - wenn nicht sogar der herrschenden Klasse selber (Timur oder Timurlenk der Lahme).

Der Stil ist unverkennbar : Die Welt wird aus der Sicht von Nasreddin auf eine sehr drastisch-praktische Art & Weise dargestellt, wie in jener Geschichte illustriert:
„Als man den Hodscha fragte, welche Musik er am meisten liebe, ntwortete er: „Die der Teller und der Schüsseln.“
In der usbekischen Version kommt häufig noch eine recht deftige Version hinzu - das Bloßstellen von Timurlenk, dem grausamen Herrscher, anhand seiner Körperlichkeit.


Zu dem Büchern:

[1] Das Buch „Der Sündensack“ sticht besonders hervor, da es eine recht detaillierte Diskussion zur Überlieferung bietet. Bei dem Buch selber handelt es sich um eine Sammlung ebendieser Geschichten, und zwar aus einer Überlieferung aus Usbekistan. Einige der letzten Geschichten daraus sind sogar als in unsere Zeit portierte Versionen des typischen „Nasrudin“-Humors aufgenommen worden.
[Kiepenheuer & Witsch , ISBN 3 - 378 - 00481 - 9 / Einband]

[2] Das Buch „Wer den Duft des Essens verkauft“ ist eine weitere Sammlung. Eine Quelle wird nicht genannt, dennoch tritt zutage, daß es sich um eine primär türkische Version dieser Überlieferungen handelt (es wird eine Übersetzung von 1974 erwähnt).
[Rohwolt Verlag - Reihe rororo - ISBN 3 - 499 - 13641 - 4 / 12.90 DM - Taschenbuch]

[3] „Die fabelhaften Abenteuer des Mulla Nasrudin“ ist eine Bearbeitung von Idris Shah (?) mit einer eindeutigen Tendenz zum Sufismus.
[Herder Verlag - Taschenbuch]
(Kann dazu zur Zeit keine näheren Angaben machen, da sich das Buch im Besitz meiner Schwester befindet.)

[4] Das Buch „Chodscha Nasr Ed-in“ von Leonid Solowjow ist als ein Kinderbuch gestaltet, auch hier fehlt eine Quellenangabe völlig (abgesehen von der Anmerkung, daß es sich hierbei um eine Übersetzung aus dem Russischen handelt).
[Der Kinderbuchverlag, Berlin, 1964 , Mit Genehmingung des Aufbau-Verlages. - Einband]


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